Finanzierung des Mittelstandes über den Kapitalmarkt
Datum: Dienstag, 10.Januar 2006
Thema: Alternative Finanzierungsformen


"Der deutsche Mittelstand braucht für künftiges Wachstum mehr Risikofinanzierung. Darum ist es zu begrüßen, wenn Banken mit standardisierten Mezzanine-Produkten auch kleineren Unternehmen den Weg zum Kapitalmarkt öffnen." ...

Diese Ansicht vertrat Josef Trischler, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), auf einem Unternehmertreffen von Ernst & Young. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen hatte mittelständische Firmeninhaber, Geschäftsführer und Finanzverantwortliche zu einem Erfahrungsaustausch über die neuen, kapitalmarktnahen Wege der Mittelstandsfinanzierung nach Frankfurt am Main eingeladen. "Entscheidend ist, dass jedes Unternehmen individuell klärt, welches der zahlreichen neuen Finanzierungsinstrumente am besten zur eigenen Situation und den langfristigen Zielen passt", betonte Joachim Voss, Managing Director des Geschäftsbereichs Equity Investments der WestLB, vor rund 100 Teilnehmern. Eine differenzierte Beratung bezüglich der neuen Finanzierungsalternativen zum gewohnten Bankkredit sei darum unerlässlich.

Günstiges Platzierungsumfeld für Mezzanine-Kapital
Nach Einschätzung von Wolfgang Richter, Partner bei der mit Ernst & Young kooperierenden Anwaltskanzlei Luther, wird sich angesichts des wachsenden Bedarfs im Mittelstand in den nächsten Jahren ein vielfältiges Angebot standardisierter Lösungen herausbilden. Dabei würden durch das Bündeln kleinerer Finanzierungsvolumina mit anschließender Platzierung am Kapitalmarkt die Eintrittsbarrieren weiter sinken: "Auch Unternehmen mit Jahresumsätzen unter 5 Mio. EUR erhalten so Zugang zu Risikofinanzierungen am Kapitalmarkt." Gleichzeitig bleibe der Weg der Eigenemission attraktiv, wie Stephan Wachtel, Geschäftsführer der NEK Ingenieure Gruppe aus Berlin, mit Blick auf die laufende Genussscheinemission seines Unternehmens bestätigte: "Wir haben damit beste Erfahrungen gemacht und nicht nur langfristige, eigenkapitalähnliche Finanzierungsmittel aufgenommen, sondern zugleich einen völlig neuen Blick auf das eigene Unternehmen mit den Augen eines externen Investors gewonnen." Wolfgang Richter sieht auf der Platzierungsseite zur Zeit eine besonders günstige Konstellation: "Anlagegelder, die bisher in steuerlich motivierte Fondsprodukte wie Schiffs- oder Medienfonds geflossen sind, werden sich neue Häfen suchen. Das ist ein hervorragendes Umfeld für wachstumsorientierte Mittelständler, um erfolgreich Eigenemissionen zu platzieren." Für größere Volumina - seien es individuelle Verbriefungen oder zu Tranchen gebündelte kleinere Finanzierungssummen - zeige sich der äußerst liquide Markt der institutionellen Investorengelder zur Zeit ebenfalls sehr aufnahmefähig.

Attraktive Konditionen: Zeit zum Handeln
Torsten Michel, Geschäftsführer der SMS Michel Communication aus Maintal bei Frankfurt, hat sich vor allem wegen der langfristigen Verfügbarkeit für Mezzanine-Kapital entschieden: "In unserem konkreten Fall steht das Geld sieben Jahre zur Verfügung, ohne dass jedes Jahr wie bei einem Bankkredit eine Prolongation nötig wäre." Voraussetzung sei allerdings, dass das Unternehmen das erforderliche Rating nicht unterschreite. "Ich begreife das aber nicht als Bedrohung, sondern als Ansporn", so Michel, der das Mezzanine-Kapital in seiner Finanzierungsstruktur für den Grundbedarf einsetzt, während er Bankkredite für die kurzfristige Liquiditätssicherung nutzt. Wichtig für die weitere Entwicklung des Finanzierungsmarktes sei, so Josef Trischler, dass die Kreditinstitute standardisierte Mezzanine-Produkte wechselseitig als wirtschaftliches Eigenkapital mit entsprechender Verbesserung des Ratings voll anerkennen: "Hier könnte noch das eine oder andere Hindernis für mehr Dynamik aus dem Weg geräumt werden." Wolfgang Richter erwartet zudem, dass die Verbreiterung des Angebots Druck auf die Konditionen ausüben wird. Darum dürften aus Sicht des Mittelstandes kapitalmarktnahe Finanzierungen in den nächsten Jahren tendenziell günstiger werden, was das erwartete Ansteigen des allgemeinen Zinsniveaus zumindest teilweise kompensieren könnte. "Die Zeit zum Handeln ist auf jeden Fall gekommen", betonten übereinstimmend Joachim Voss als Bankenvertreter und Wolfgang Richter für die Beratungsbranche.

Wachstumseffekte durch alternative Finanzierungen
Nach den Ergebnissen der kürzlich vorgestellten Studie "Wege zum Wachstum" von Ernst & Young und Luther haben mittelständische Unternehmen, die eine Kombination aus klassischen und innovativen Finanzierungsinstrumenten einsetzen, im Dreijahreszeitraum von Ende 2001 bis Ende 2004 im Durchschnitt ein Umsatzwachstum von 8,6 Prozent erreicht, also fast drei Prozent pro Jahr. Unternehmen, die sich ausschließlich durch klassische Instrumente wie den Bankkredit finanzieren, sind dagegen während dieser drei Jahre um 2,9 Prozent geschrumpft, haben also im Durchschnitt pro Jahr einen Umsatzrückgang von fast einem Prozent hinnehmen müssen. Ein stärkerer Einsatz neuer Finanzierungsinstrumente wirkt also nachweislich wachstumsfördernd. Er bringt damit nicht nur den einzelnen Unternehmen Vorteile, sondern führt auch zu einem höheren gesamtwirtschaftlichen Wachstum. Die Autoren der Studie schätzen, dass der vermehrte Einsatz innovativer Finanzierungen im Mittelstand das gesamtwirtschaftliche Wachstum um bis zu einen halben Prozentpunkt erhöhen könnte. "Allein die Aussicht darauf sollte alle Beteiligten motivieren, den Einsatz moderner, kapitalmarktorientierter Finanzierungstechniken zu forcieren", forderte Wolfgang Richter. Die Finanzierungsexperten in den Banken und bei unabhängigen Beratungsgesellschaften seien darum ebenso wie die Wirtschaftsverbände gefordert, das Verständnis im Mittelstand für die neuen Finanzierungswege systematisch zu verbessern.

Anlegerorientiertes Reporting und Bereitschaft zu mehr Transparenz
Für die Studie "Wege zum Wachstum" wurden 1.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland gefragt, wie häufig und intensiv sie neue Finanzierungsinstrumente aktuell einsetzen und wie ihre Pläne für die Zukunft aussehen. Als entscheidendes Hindernis auf dem Weg zu einem verstärkten Einsatz moderner Finanzierungsvehikel erwies sich die mangelnde Bereitschaft klassisch finanzierender Unternehmen, den Informationsbedürfnissen externer Kapitalgeber entgegenzukommen. Hier liege der Schlüssel für eine erfolgreiche Wachstumsfinanzierung, so die Autoren. "Wer als ersten Schritt ein anlegerorientiertes internes Reporting installiert, kann danach sehr individuell und selektiv die Informationsanforderungen seiner Geldgeber erfüllen und eröffnet sich damit ein ganzes Spektrum an Finanzierungsalternativen", erläuterte Wolfgang Richter. Dabei müsse je nach Finanzierungsart oft nur einem oder wenigen externen Partnern in genau definierten Grenzen Einblick ins interne Zahlenwerk gewährt werden. Wer dazu nicht bereit sei, werde über kurz oder lang aufgrund einer nicht optimalen Finanzierungsstruktur hinter seinen unternehmerischen Möglichkeiten zurück bleiben: "Transparenz wird zum Wettbewerbsfaktor." Denn letztlich gehe es bei jeder Finanzierung darum, den aus Sicht des Kapitalgebers marktgerechten Preis für die Übernahme des jeweiligen Finanzierungsrisikos zu ermitteln. Ohne Transparenz jedoch sei keine realistische Risikoeinschätzung möglich und das betroffene Unternehmen erhalte die benötigten Finanzmittel entweder gar nicht oder zu einem zu teuren Zinssatz.

Quelle. Ernst & Young







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