Der Fall Enron lastet auf den internationalen Rating-Agenturen wie ein Fluch. Zu spät – erst kurz vor dem Konkurs – hatten die Analysten im Jahr 2002 die Anleihen des Konzerns auf spekulatives Niveau herabgestuft...
Doch viele, an die Adresse der Rating-Agenturen adressierten Vorwürfe laufen ins Leere, denn gegen Betrug sind auch Fitch, Moody's oder S&P nicht gefeit. "Eine Rating-Agentur macht grundsätzlich keine Abschlussprüfung oder verifiziert die Richtigkeit von veröffentlichten und nicht veröffentlichten Informationen", sagt Jens Schmidt-Bürgel, Deutschland-Chef von Fitch Ratings. Auch finde keine Beurteilung eines möglichen Betrugsrisikos statt oder würden Annahmen über mögliche Events gemacht,
die bisher nicht stattgefunden haben.
Die Beurteilung über die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Emittenten oder eines Wertpapiers basiere auf den zur Verfügung stehenden Informationen, die u.a. vom Management einer Gesellschaft selbst zur Verfügung gestellt würden, so Schmidt-Bürgel beim Ratingtag des des European Center for Financial Services (ecfs) in Essen.
Im Casino der Zeche Zollverein waren etwa 100 Teilnehmer aus der Wissenschaft und Kreditwirtschaft Zusammengekommen, um über Erkenntnisse,
Erfahrungen und Perspektiven des internen und externen Ratings zu diskutieren.
Klar ist: Gegen kriminelle Aktivitäten im Unternehmen schützt auch ein Rating nicht. Diese Erfahrung hat gerade erst die New Yorker Bank J.P. Morgan Chase & Co machen müssen, die gegen Zahlung von 2,2 Mrd. US$ eine Sammelklage von geprellten Enron-Investoren beigelegt hat. Es handelt sich dabei um die vierte außergerichtliche Einigung im Fall Enron – mit dem bisher höchsten Schadenersatz. Zuvor hatte die Citigroup freiwillig einer Zahlung von 2 Mrd. US$ für Enron-Investoren zugestimmt. Die Bank of America und Lehman Brothers erzielten bereits vor einigen Monaten außergerichtliche Vereinbarungen und zahlten zusammen 491,5 Mio. US$. J.P. Morgan hatte nach langem Zögern in diesem Jahr bereits die Sammelklage geprellter
WorldCom-Investoren mit einer außergerichtlichen Zahlung beigelegt. Damals flossen 2 Mrd. US$. Wie
seinerzeit betonte J.P. Morgan auch jetzt im Fall Enron, geschehe dies ohne Anerkenntnis einer Schuld. Die Kläger hatten J.P. Morgan vorgeworfen, Enron bei der Fälschung von Bilanzen und der Verschleierung der Verschuldung behilflich gewesen zu sein, während auf der anderen Seite die Analysten wissentlich falsche Aktienbeurteilungen abgegeben hätten. Der CEO von J.P. Morgan, William Harrison, sagte,
sein Institut habe hart daran gearbeitet, die Klagerisiken hinter sich zu bringen. Die gebildete Schadensreserve reicht nach Darstellung der Bank auch nach dem Vergleich für die noch ausstehenden Fälle. Künftig könne allerdings eine Anpassung erforderlich werden. Die Bank sieht sich auch nach dem Vergleich ausreichend kapitalisiert; die Tier-1-Capital-Ratio liege im Rahmen der angestrebten 8,0 % bis 8,5 %. Dies wiederum bestätigte auch Fitch Ratings und teilte mit, dass die bestehenden Bonitätsbewertungen von J.P.
Morgan unverändert bleiben. Auch der Ausblick ist weiterhin positiv.
Quelle: RATINGaktuell, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Bank-Verlag Köln.
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